IAK Newsletter Milchproduktion 1/2019

von Frank Rüdiger

Dauerbrenner Mortellaro – Hinweise der Milchviehspezialberatung

Sehr geehrte Kunden der IAK Agrar Consulting,

in den letzten 10 bis 15 Jahren hat die Mortellarosche Krankheit / Dermatitis Digitalis (DD) leider in vielen Ställen Einzug gehalten und stellt mittlerweile eine der wichtigsten infektiösen Klauenerkrankungen dar. Bereits leichte Berührungen erkrankter Gliedmaßen im Klauenbereich rufen bei den Kühen eine Schmerzreaktion, zumindest aber ein Anheben des betroffenen Beines hervor. Dass Schmerzen beim Laufen die Futteraufnahme und das allgemeine Tierwohl deutlich reduzieren und somit erheblich leistungsmindernd sind, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Schätzungen zufolge hat die akute Form der Dermatitis Digitalis Milchleistungsrückgänge von 0,5 bis 0,75 kg Milch je Tag zur Folge. Milchgeldverlust und Behandlungskosten können sich je Fall auf 300-500 € summieren (Bundesverband Rind und Schwein e.V.).

Als Erreger wurden Treponema-Arten (gramnegative Bakterien) identifiziert, welche in der Lage sind, sich nach einer Übertragung bis in die unteren Hautschichten zu bohren und damit eine lebenslange Infektion hervorzurufen.

Das Erscheinungsbild ist durch leicht- bis mittelgradige Lahmheit und wechselseitige Entlastung der Hintergliedmaßen im Stehen gekennzeichnet. Das Erscheinungsbild der akuten Form sind gerötete Hautveränderungen mit leicht höckeriger Oberfläche (erdbeerartig), oft im Ballenbereich und Zwischenklauenspalt beginnend. Der Rand der Läsion ist erhöht, gewöhnlich finden sich umliegend verlängerte Haare (Fotos). Die veränderten Hautbereiche wirken teilweise wie ausgestanzt. Erfolgt keine Behandlung, vergrößern sich die Hautläsionen von Stadien mit unter einem Zentimeter bis zu handtellergroßen Hautschäden mit zunehmender Schmerzhaftigkeit. Die Treponemen können weiterhin u.a. den Wulst im Zwischenklauenspalt (Limax), die Falte zwischen Euter und Bauchwand und auch die Klauenlederhaut in Sohlengeschwüren befallen sowie nichtheilende Zehenspitzennekrosen verursachen. Gelingt eine erfolgreiche Behandlung der akuten Anfangsstadien, zeigen sich warzig veränderte Hautbereiche, welche für die Tiere zunächst nicht mehr schmerzhaft sind. Die chronische Form ist aber in der Lage, wieder in die akute Form zu wechseln, wenn Hygieneprobleme im Stall auftreten oder die körpereigene Abwehr (z.B. durch Energiemangel in der Hochleistungsphase) übermäßig gestresst wird.

 

                   

        Quelle: Schoibl, IAK Leipzig

Die Therapie erfolgt durch die Anwendung tetrazyklinhaltiger Sprays (ein- bis zweimaliger Sprühstoß für 1–2 Sekunden) nach vorheriger Reinigung der Wunde und Anlegen eines Klauenverbands. Bei größeren Läsionen bietet sich eine Behandlung mit Novaderma®-Salbe unter einem Klauenverband an. Seit mehreren Jahren ist das Pflaster „Mortella Heal“ auf dem Markt, dabei handelt es sich um eine Polyurethan-Wundauflage, welche ohne vorherige Antibiotikabehandlung den Wundbereich abdecken soll und ebenfalls mit einem Klauenverband geschützt werden muss. Das Pflaster ersetzt den Wundschorf und erlaubt das Wirken der Selbstheilungskräfte. Der Klauenverband soll 10-14 Tage am Tier belassen werden. In hartnäckigen Fällen kann auch eine Kombination von Blauspray und Pflaster / Wundauflage die Abheilung verbessern. Die Verbandkosten je Anwendung mit dem Pflaster liegen bei 20,75 € (24 Pflaster inkl. Verbandmaterial für 498 € netto, Anbieterangabe im Januar 2019). Bei allen Therapieformen gilt: Kenne deine Grenzen. Nichtheilende Zehenspitzennekrosen und starke Veränderungen der Klauenlederhaut sind Fälle für den Tierarzt, der gegebenenfalls Gewebe unter lokaler Betäubung entfernen muss bzw. weitere Therapiemaßnahmen festlegt.

Vorbeugen ist besser als Heilen. Durch geeignete Präventionsmaßnahmen kann es zumindest gelingen, die Krankheit zu kontrollieren. Durch eine ordnungsgemäß durchgeführte Klauenpflege (2- 3 Mal jährlich) kommt es im Ballenbereich der Klaue zu einem „Zugewinn an Höhe“, der die empfindliche Hautpartie wieder etwas aus dem feuchten Milieu der Laufgänge holt. Trockene und bequeme Liegeboxen sorgen für ausreichende Liegezeiten (mindestens 12 Stunden) und ein Abtrocknen der Klauen bzw. Klauenhaut im Ballenbereich. Überbelegung der Stallabteile ist durch verlängerte Stehzeiten und Rangkämpfe um Fressplätze, Wasser und Liegeplätze ein (vermeidbarer) Stressfaktor für die Kühe. Saubere, regelmäßig gereinigte Laufgänge (Reduktion der Belastung durch Kot und Gülle) sind ebenfalls ein „Muss“, ebenso wie eine wiederkäuergerechte Rationsgestaltung und ausreichende Wasserversorgung. Hier gilt als Richtwert: ca. 6 cm Troglänge je Kuh, mindestens zwei Tränken je Gruppe, je 20 weitere Kühe eine Tränke zusätzlich installieren. Als betriebliche Maßnahmen bietet sich das Bereithalten von Schutzkleidung, zumindest aber Schuhüberzieher für Betriebsfremde an. Erfolgt die Klauenpflege durch externe Klauenpfleger, sollten Regeln für ein hygienisches Arbeiten vereinbart werden. Betriebseigene Stiefel und Arbeitskleidung (Miettextilien) und ein dem Klauenpfleger zugeordneter Spind stellen keine großen Kostenpositionen dar. Arbeitsgeräte wie Klauenmesser, Schere und Fräse sollten vor Arbeitsbeginn in einem gereinigten und desinfizierten Zustand sein. Ist dies nicht auf Dauer umsetzbar, wäre der Kauf und Verbleib der Geräte im Betrieb noch eine Option, die Keimeinschleppung aus anderen Betrieben zu verhindern. Für eine erfolgreiche Bekämpfung der Dermatitis Digitalis ist es notwendig, beim Jungvieh anzufangen, um chronische Infektionen zu verhindern.

Klauenbäder stellen eine Hygienemaßnahme dar, sind aber keine Behandlungsmöglichkeit für betroffene Tiere. Aufgrund seiner antibakteriellen, viruziden und hornhärtenden Wirkung sind Klauenbäder mit Formaldehyd eine Option. Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde Formalin als krebserregend eingestuft, daher muss auf das Tragen von Schutzkleidung bei der Herstellung der Anwendungslösung geachtet werden. Der Aufstellort des Klauenbades sollte im Interesse der Mitarbeiter in der Melkergrube so gewählt werden, dass ein übermäßiges Einatmen der Gase vermieden wird. Die Anwendungskonzentration von 3-5 % Formalin kann in Abhängigkeit des DD-Befalls variiert werden. Die Aufwandmenge ist anhand des Volumens der Klauenbadwanne und der Ausgangskonzentration des Produktes zu bestimmen. Allgemeine Empfehlungen für die Gestaltung des Klauenbad sind:

  • - Wasserbad vorschalten (Reinigung der Klauen),

  • - eine Länge des Klauenbads von 3,0 – 3,6 m gewährleistet zwei Schritte je Gliedmaße in der Klauenbadlösung,

  • - Tiefe der Klauenbadwanne ca. 28 cm,

  • - Eintauchtiefe der Klauen > 10 cm,

  • - griffiger Boden.

Eine weitere Möglichkeit, die Erkrankungshäufigkeit zu reduzieren, bieten Trockenklauenbäder und hochalkalische Einstreupulver, welche auch abwechselnd in Kombination mit flüssigen Biozidprodukten eingesetzt werden können. Ziel der Anwendung ist ein Anheben des pH-Wertes > 12 und die Bindung der Feuchtigkeit an der Klaue. Viele pathogene Keime bevorzugen in ihrer Umgebung pH-Werte zwischen 4 und 9. Das Befüllen der Klauenbadwanne mit Trockenklauenbad erfordert etwas Fingerspitzengefühl. Wird zu viel Material aus der Wanne getragen, kann sich der Spaltenboden zusetzen. Daher empfiehlt sich, den Bereich mit Gummimatten abzudecken oder einen Standort für die (mobile) Klauenbadwanne zu finden, an den sich eine planbefestigte Fläche anschließt. Die Entnahme aus Big-Bags ist gewöhnlich mit Handarbeit und Staubbelastung verbunden. Einige Hersteller haben 25 kg Gebinde im Angebot, welche im Umgang bequemer sein dürften. Der Produkttest eines Trockenklauenbades in der LVA Echem (Niedersachsen) brachte eine deutliche Reduktion von Mortellaro, Klauenfäule und Panaritium.

Nicht jede Kuh erkrankt bei gleichem Erregerdruck an Mortellaro. Diese genetische Widerstandsfähigkeit und die Wichtigkeit der Erkrankung führte zur Veröffentlichung spezieller Zuchtwerte in den Katalogen der Spermaanbieter. DD control ist eine Entwicklung der Universität Halle in Zusammenarbeit mit den deutschen Besamungsorganisationen für das Merkmal Widerstandsfähigkeit gegen Dermatitis Digitalis. Die besten 25 % der genomisch untersuchten Bullen erhalten das Label „DD control“ für Mortellaroresistenz, die besten 10 % der Bullen führen das Label „DD premium“. Bei den ausländischen Genetikanbietern werden die Bullen mit Vorzügen im Merkmal Geringe Erkrankungshäufigkeit für Dermatitis Digitalis mit „Klauengesundheit +“ (WWS) oder „DDplus“ (Prismagen) gekennzeichnet. Je stärker die Krankheit bereits im Bestand verbreitet ist, desto engagierter sollte man auch die genetischen Möglichkeiten für eine Verbesserung der Resistenzlage gegen Mortellaro nutzen.

Fazit: Angesichts der wirtschaftlichen Dimension, welche die Krankheit mittlerweile erreicht hat, und des deutlich reduzierten Tierwohls sind je nach Befallsgrad betriebsindividuelle Bekämpfungsstrategien sinnvoll. Aber auch Rückschlage müssen dabei einkalkuliert werden, da die Erreger sich in den tieferen Hautschichten leicht Therapiemaßnahmen am Einzeltier entziehen können und in Stressphasen für die Kuh wieder vermehrt aktiv werden.

 

Mit freundlichen Grüßen aus Leipzig

Frank Rüdiger
Tel.: 0174 / 33 49 862
Mail: f.ruediger@iakleipzig.de

Christian Schoibl
Tel.: 0173 / 29 14 451
Mail: c.schoibl@iakleipzig.de

 

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