IAK Newsletter Milchproduktion 3/2019

von Frank Rüdiger

 

Sehr geehrte Kunden der IAK Agrar Consulting,

der Rindergesundheitsdienst der TSK Sachsen-Anhalt führte im Oktober 2019 eine Vortragsveranstaltung für Landwirte und Tierärzte durch zum Thema:

„Leben ohne Leiden“ – Tierschutz in der Milchviehhaltung

Hiermit möchten wir für Sie die Kernaussagen der Vorträge zusammenfassen. Aufgrund der fachlichen und gesellschaftspolitischen Relevanz halten wir diese auch auf andere Bundesländer für übertragbar.

 

Rentner (und Landwirte) haben niemals Zeit – daher für eilige Leser:

Die bundesweit bekannt gewordenen Filmaufnahmen aus den letzten beiden Jahren mit inakzeptablen Zuständen in Milchviehhaltungen in Sachsen-Anhalt und Bayern werden strafrechtlich verfolgt und schädigen das Image der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung.

Massenmedien müssen sich verkaufen und sind eher an Skandalen und Missständen interessiert, als ihre Leser über gute fachliche Praxis, wie sie in der Mehrzahl der Betriebe praktiziert wird, aufzuklären.

Transport- und Schlachtverbote müssen eingehalten werden. Wenn Notschlachtungen für die Mehrzahl der Betriebe nicht mehr möglich sind, um das Tier noch wirtschaftlich zu verwerten, sollten Optionen geprüft oder geschaffen werden, akut verletzte Tiere zumindest noch zu schlachten, zu verarbeiten und unter den Mitarbeitern für kleines Geld zu verteilen.

Es genügt nicht, durch seine Arbeit Tierwohl und Tiergerechtheit zu schaffen und zu erhalten, es muss auch dokumentiert werden. Die Checklisten der Hochschule Anhalt oder auch anderer Anbieter wie KTBL, Thünen-Institut oder Q-Check können dabei ein Einstieg sein, den Pflichten zur Eigenkontrolle nachzukommen.

Die Digitalisierung und Datenauswertung erlaubt den Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärbehörden deutlich leichter die Identifikation von schwarzen Schafen in der Branche.

Durch sinkenden Anteil am Bruttosozialprodukt, rückläufigen Beschäftigungszahlen im Agrarsektor und mangelnden Interessenausgleich von Stadt- und Landbevölkerung durch politische Kräfte fällt es der Agrarbranche zunehmend schwerer, sich im gesellschaftlichen Dialog zu behaupten und als Arbeitgeber zu empfehlen.

 

Die Vorträge im Einzelnen:

„Aus gegebenem Anlass“ – Dr. Andrea Krüger, MULE (Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie) Sachsen-Anhalt

Frau Dr. Krüger verwies in ihrer Einleitung nochmal auf zwei Vorkommnisse in Sachsen-Anhalt in den Jahren 2018 und 2019 und den jüngsten Fall in Bayern, bei denen Tierrechtsorganisationen durch heimliche Filmaufnahmen gravierende Tierschutzverstöße in Milchviehbetrieben nachgewiesen hatten. In Sachsen-Anhalt beschäftigen die dokumentierten Rechtsbrüche (Milchkühe in schlechtem Allgemeinzustand, verendete und verwesende Tiere mitten im Stall) heute noch Veterinärbehörden und die zuständigen Staatsanwaltschaften. Die Aufnahmen führten in Sachsen-Anhalt zu Anfragen an das Ministerium aus dem politischen Raum, Presseanfragen sowie Schreiben von Bürgerinnen und Bürgern.

 

Im Ministerium wurden u.a. folgende Fragen gestellt:

Handelt es sich hierbei um krasse Einzelfälle? Unterliegt die Milchviehhaltung einem Systemfehler? Lag Behördenversagen vor? Sind die Rechtsvorschriften unzureichend? Liegt eine fehlende Sachkunde beim Milchviehhalter vor? Welche Maßnahmen erscheinen angezeigt, um den Tierschutz in der Nutztierhaltung zu verbessern?

Emotional motivierter Tierschutz beinhaltet eine große subjektive Komponente und kann daher nicht als Gradmesser benutzt werden. Wissenschaftlicher Tierschutz ist rational und beruht auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, dafür ist Forschung und Forschungsförderung erforderlich, ohne dass jedoch die Ergebnisse direkt in Rechtsvorschriften fließen. Der rechtliche Tierschutz drückt sich durch Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und Erlasse auf europäischer und nationaler Ebene aus.

Die grundsätzliche Ausrichtung des deutschen Tierschutzgesetzes wird in § 1 deutlich: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“.

- Ausdrückliches Bekenntnis zum ethischen Tierschutz

- Ist als Auslegungsnorm für alle Rechtsfragen maßgebend, die den Tierschutz betreffen

- Stellt die Verantwortung des Menschen für das in seiner Obhut befindliche Lebewesen fest

- Bedeutet jedoch nicht, Tieren jegliche Beeinträchtigung ihres Wohlbefindens zu ersparen – ist also ein Verbot mit Einschränkungen

 

Vernünftiger Grund?

- Verlangt im Einzelfall eine Abwägung der betroffenen Rechtsgüter und Interessen

- Muss erkennbar schwerer wiegen als der Anspruch nach Unversehrtheit und Wohlbefinden des Tieres

- Grundsätzlich bei Tätigkeiten, die im Gesetz und in dazugehörigen Verordnungen verankert sind (z.B. Schlachten von Tieren)

- Beeinträchtigung des Tieres muss geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sein, um angestrebte legitime Ziele zu erreichen

 

Tierschutz: Wahres Leben?!

- Vielzahl der tierschutzrechtlichen Regelungen zur Anwendung bei Nutztieren stellt einen sichtbaren Kompromiss zwischen fachlichem Wissen zum Wohlbefinden der Tiere und wirtschaftlichen Belangen dar

- Insofern wundert es nicht, dass die landwirtschaftliche Nutztierhaltung immer wieder Gegenstand vieler und zum Teil auch sehr emotional geführter öffentlicher Diskussionen geworden ist

- Was für den Einen noch gute fachliche Praxis darstellt, ist für den Anderen ein Vergehen am Tier

- Die Menschen hinterfragen die Bedingungen, unter denen beispielsweise Milchkühe gehalten, transportiert und geschlachtet werden

- Das Handeln der Verbraucher und Verbraucherinnen wandelt sich zunehmend vom bloßen Konsumenten tierischer Produkte zum bewussten, auf das Wohlbefinden der Tiere bedachten Einkäufer

- Zunehmender Einfluss von Massenmedien: „Ob und wie über bestimmte Ereignisse oder Personen berichtet wird, entscheiden Journalisten nach eigenen Regeln. Man kann die Massenmedien deshalb als eigenständige Akteure betrachten, die über den Einfluss des politischen Geschehens hinausgehende Wirkungen auf die Gesellschaft haben“. (Bundeszentrale für politische Bildung)

Als Konsequenzen der in der Einleitung erwähnten Vorkommnisse ergaben sich:

- Verstärkte amtliche Kontrollen in betroffenen Betrieben

- Amtliche Kontrolle Zulieferbetriebe Schlachthof

- Erstellung Konzept Schlachthöfe Sachsen-Anhalt

- Schlussfolgerungen und Anpassung Kontrollinstrumente und -verfahren

- Verstärkte Fachaufsicht

- Audit der EU-Kommission November/Dezember 2019

 

Fazit von Frau Dr. Krüger:

- Rechtsvorschriften allein geben für den Schutz der Tiere keine hinreichende Gewähr. Viel wichtiger ist das verantwortungsvolle Handeln des Tierhalters

- Tierschutz erfordert eine entsprechende Grundeinstellung und Sachkunde aller Personen, die mit Tieren umgehen

- Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim BMEL schlussfolgerte 2015 im Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“, dass die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere nicht zukunftsfähig sind, da ihnen die gesellschaftliche Akzeptanz fehlt.

Tierschutzüberwachung beim Rind – Ramon Rulff, Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt Altmarkkreis Salzwedel und ehem. praktischer Tierarzt

Aussagen der Landesstudie: „Entwicklung von praxiserprobten Verfahren zur Bewertung des Tierwohls in Milchviehbeständen in Sachsen-Anhalt“

- Tiergerechtheit in der Milchviehhaltung kann sowohl datenbasiert als auch durch in Augenscheinnahme des Haltungssystems eingeschätzt werden

- „Die Studie hat gezeigt, dass „Tierwohl“, im Gegensatz zu der landläufigen Meinung, nicht automatisch von größeren Bestandsgrößen beeinträchtigt wird und dass signifikant höhere Leistungen vor allem in den tiergerechten Haltungssystemen zu finden sind.“

- Als datenbasierte Indikatoren werden u.a. die TKBA-Meldungen herangezogen (in diese Risikoanalyse fließen schon die Abgänge ohne Ohrmarken ein!)

 

Anschließend stellte Herr Rulff drei Fallbeispiele aus der amtstierärztlichen Veterinärüberwachung vor, bei denen gravierende Verstöße gegen den Tierschutz begangen wurden, betonte aber auch, dass dies in dem beschriebenen Ausmaß lediglich auf max. 0,5 – 1 % der landwirtschaftlichen Nutztierhalter zutrifft.

Transport und Schlachtung gravider Rinder:

Gemäß VO (EG) 1/2005 Anhang I Kapitel 1 Nr. 2 c)

„als nicht transportfähig gelten trächtige Tiere in fortgeschrittenem Gestationsstadium (90 % oder mehr, ca. 30 Tage beim Rind) oder Tiere, die vor weniger als sieben Tagen niedergekommen sind.“ 

Gemäß Tiererzeugnisse-Handels-Verbotsgesetz – TierErzHaVerbG:

„Es ist verboten, ein Säugetier, ausgenommen Schafe und Ziegen, dass sich im letzten Drittel der Trächtigkeit befindet, zum Zweck der Schlachtung abzugeben.“ (ca. 90 Tage beim Rind)

Ausnahmen:

- Schlachtung ist nach tierseuchenrechtlichen Bestimmungen vorgeschrieben oder angeordnet

- Eine tierärztliche Bescheinigung, aus der hervorgeht, dass die Schlachtung des Rindes nach tierärztlicher Indikation geboten ist

 

Notschlachtungen von Rindern

Werden immer schwieriger, da die Zahl der Schlachtbetriebe stark rückläufig ist, im Landkreis Salzwedel bietet lediglich noch ein Betrieb Notschlachtungen an. Oftmals bleibt nur die Nottötung.

Nottötung

Eine Nottötung soll ein Tier schnell von weiteren Schmerzen oder Leiden befreien. Das Fleisch eines notgetöteten Tieres kann nicht als Lebensmittel verwendet werden.

Notschlachtung

Ein ansonsten gesundes Tier muss einen Unfall erlitten haben, der seine Beförderung zum Schlachthof aus Gründen des Tierschutzes unmöglich macht.

Mögliche Ursachen:

- Frische Knochenbrüche

- Innere und äußere starke Blutungen

- Erstickungsvorgänge

- Perakute Kreislaufinsuffizienz

- Ausgegrätschte Tiere

- Schlundverstopfungen

 

Es dürfen keine Anzeichen für Fieber, Apathie, gestörtes Allgemeinbefinden oder Anzeichen einer Bakteriämie/Septikämie vorliegen.

Fazit von Herrn Rulff:

- Amtliche Kontrollen sind zwingend erforderlich

- Die Erhebung von Tierwohlindikatoren zur Risikobeurteilung sind notwendig, je mehr auswertbare Daten vorhanden sind → stabilere Risikobewertung

- Kontrollen sollten grundsätzlich unangekündigt durchgeführt werden

- Geplante und gut vorbereitete Vollkontrollen sind zielführender als bloßes Ohrmarkenablesen in Rahmen von CC-Kontrollen

 

Ziel: Die wenigen schwarzen Schafe der Branche rechtzeitig erkennen und wirksame Maßnahmen gegen Verstöße einleiten, um den Ruf und das Vertrauen in Landwirtschaft und (amts-)tierärztliche Tätigkeiten zu schützen.

Angemerkt wurde zudem, dass die Bußgelder des Veterinäramtes für Verstöße gegen den Tierschutz teilweise nicht so hoch wie CC-Sanktionen für Meldeverstöße und mangelnde Ohrmarkenkontrollen sind. 

Eigenkontrolle nach TierSchG § 11 Nr. 8 – Projektergebnisse zur Bewertung von Tierwohl in Milchviehbeständen – Prof. Heiko Scholz, Lehrstuhl Tierernährung, Hochschule Anhalt

TierSchG § 11 Nr. 8: „Wer Nutztiere zu Erwerbszwecken hält, hat durch betriebliche Eigenkontrollen sicherzustellen, dass die Anforderungen des § 2 eingehalten werden. Insbesondere hat er zum Zwecke seiner Beurteilung, dass die Anforderungen des § 2 erfüllt sind, geeignete tierbezogene Merkmale (Tierschutzindikatoren) zu erheben und zu bewerten.“ (Gesetzeslage seit 2014)

TierSchG § 2: Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

muss 1. das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,

darf 2. die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,

muss 3. über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

 

Zwischen August 2015 und September 2016 wurden in dem Projekt 33 Milchviehbetriebe aus Sachsen-Anhalt hinsichtlich tierbezogener-, verhaltensbezogener und haltungsbezogener Indikatoren von der Hochschule Sachsen-Anhalt untersucht. Der Tiergesundheitsdienst des Bundeslandes übernahm die datenbasierte Auswertung aus den Herdenmanagementprogrammen, und die FU Berlin analysierte verschiedene Stoffwechselparameter.

- Tierindikatoren waren u.a. Verschmutzung, Gelenksveränderungen, Laufverhalten, Pansenfüllung und BCS

- Als datenbasierte Indikatoren wurden bspw. Merzungen, Verendungen, Abgänge in der Frühlaktation, verschiedene Eutergesundheitsparameter und der Fett-Eiweiß-Quotient herangezogen

 

Im Ergebnis wurden 6 datenbasierte und 4 tierbezogene Kennzahlen aufgrund statistischer Zusammenhänge und des Bezugs zur Tiergerechtheit abgeleitet.

Datenbasiert:

1. Merzungsrate der Kühe

2. Verendungsrate der Kühe

3. Abgänge bis 30. Laktationstag

4. Jungkuhabgänge

5. Anteil eutergesunder Kühe

6. Anteil Erstlaktierenden-Mastitisrate

 

Tierbezogene Kennzahlen zur Eigenkontrolle:

1. Verschmutzung Hinterhand und Euter

2. Gelenksnahe Schwellungen

3. Locomotion – Score der Milchkühe

4. Technopathien an den Tieren

 

Die aus der Datenerhebung entwickelte Checkliste zur Beurteilung der Tiergerechtheit mit Orientierungswerten ist hier als pdf-Datei verlinkt.

Fazit von Herrn Prof. Scholz: „Milchproduktion als multi-komplexes System kann nicht mit wenigen Kennzahlen umfassend bewertet und reglementiert werden!“ 

 

Veranstaltungshinweise:

Die Tierärztekammer Sachsen-Anhalt führt ab November 2019 bis Juni 2021 einen Fort- und Weiterbildungskurs mit dem Titel „Tierärztliche Bestandsbetreuung und Qualitätssicherung im Erzeugerbetrieb Rind“ für bestandsbetreuende Tierärztinnen und Tierärzte durch. Eine Anmeldung war bis 25.10.2019 möglich.

Das Informationsblatt zur obigen Veranstaltung ist mit diesem Newsletter als pdf-Datei verlinkt. Vielleicht besprechen Sie die Themen einmal mit Ihrem Tierarzt.

Das Landesamt für Verbraucherschutz in Sachsen-Anhalt führt am 27.02.2020 eine Veranstaltung für Stallpersonal „Tiergerechter Umgang mit Rindern“ in Bernburg-Strenzfeld durch.

 

Hinweis in eigener Sache:

Die IAK hat in diesem Jahr den KTBL-Leitfaden und das Tierwohl-Tool des Thünen-Instituts in zwei Milchviehbetrieben parallel getestet und hinsichtlich Aufwand und Erkenntnisgewinn bewertet. Sollten Fragen zur Nutzung dieser Checklisten bestehen bzw. eine Hilfestellung bei der gesetzlich vorgeschriebenen Tierwohlkontrolle notwendig sein, stehen wir gern beratend zur Seite.

 

Zum Download: IAK Newsletter Milch 03/2019

 

Mit freundlichen Grüßen aus Leipzig

 

Frank Rüdiger
Tel.: 0174 / 33 49 862
Mail: f.ruediger@iakleipzig.de

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