IAK Newsletter Milchproduktion 4/2019

von Frank Rüdiger

 

Sehr geehrte Kunden der IAK Agrar Consulting,

 

wie angekündigt, erhalten Sie heute mit dem Newsletter Milch Nr. 4-2019 der IAK-Milchviehspezialberatung eine weitere Vortragszusammenfassung aus der Veranstaltung „Leben ohne Leiden“ – Tierschutz in der Milchviehhaltung.

Speziell zum ersten Vortrag sei darauf hingewiesen, dass vergleichbare Analyseprogramme den Veterinärbehörden wahrscheinlich nicht nur in Sachsen-Anhalt zur Verfügung stehen. Betriebe, welche die angegebenen Sollwerte überschreiten, sollten daher intensiv an einer Verbesserung ihrer produktionstechnischen Kennzahlen arbeiten.

TIRAMISA - Schnelle Identifizierung von Milchviehbeständen mit tiergesundheitlichen Problemen
Dr. Miriam Lindner, Landesamt für Verbraucherschutz ST, Stendal

TIRAMISA = TIERGESUNDHEITLICHE/TIERSCHUTZRECHTLICHE RISIKOANALYSE IN MILCHVIEHBETRIEBEN SACHSEN-ANHALTS

TIRAMISA ist eine vom Landesamt entwickelte Software mit dem Ziel:

  • - Auffällige Milchviehbetriebe zu identifizieren
  • - Gemeinsame Vor-Ort-Kontrolle von Veterinäramt und Tierschutzdienst LAV
  • - Problembewusstsein zu erzeugen
  • - Ursachen zu identifizieren
  • - Gemeinsam mit dem Tierhalter Lösungsansätze zu finden
  • - Ggf. amtliche Anordnungen/Verfügungen


TIRAMISA wird den Landkreisen vom Landesamt zur Verfügung gestellt und nutzt Daten aus dem HIT-Bestandsregister. Obwohl HIT für andere Zwecke entwickelt wurde, hält die Nutzung der Daten zur Gefahrenabwehr einer datenschutzrechtlichen Bewertung stand. Begründung: Für den Vollzug des Tierschutzgesetzes können auch Daten verwendet werden, die nach ViehVerkV erhoben wurden.

Aktuelle TIRAMISA-Sollwerte sind:

  • - Merzungsrate < 35 % (LKV Jahresbericht)
  • - Verendungsrate Kühe < 6 % (Median der vergangenen Jahre)
  • - Verendungsrate Kälber < 6 % (Median der vergangenen Jahre)

Frau Dr. Linder betonte, dass der Anteil der stark auffälligen Betriebe verschwindend gering sei.

Grenzen hat das Programm bei Betriebsaufgaben oder Reduktion der Herdengröße, außerdem werden bei kleinen Herden schnell hohe Werte erreicht. Die Software wertet neben Milchviehbetrieben auch Unternehmen aus, welche im Bereich Mastvieh- und Mutterkuhhaltung tätig sind.

Brennpunkte in Milchviehhaltungen aus der Arbeit mit dem Programm sind:

  • - Kranke Tiere werden gesehen und behandelt, aber falsch (Klauenpflege, Klauenverbände, Kälberdurchfälle)
  • - Betriebsblindheit, Bestandsprobleme werden nicht gesehen (Lahmheiten, Gebärparese)
  • - Nicht reagieren (aus finanziellen Gründen, fehlendem Bewusstsein oder weil kranke Tiere nicht erkannt werden)
  • - Tierhalterbezogen (finanzielle Engpässe, Personalmangel, fehlendes Wissen, veraltete Stallgebäude)

Fazit Frau Dr. Linder:

- Verendungsrate und Merzungsrate haben große Aussagekraft und sind leicht erfassbar
- Ziel der Kontrollen: Verbesserung der Situation im Bestand
- Dilemma zwischen Rechtsvorgaben und betriebsindividuellen Zwängen
- Sensibilität ist gestiegen, Gesellschaft, Tierschutzorganisationen
- Viele Verstöße sind nicht zu rechtfertigen
- Die meisten Betriebe sind sehr an Verbesserung interessiert

Problem erkannt, Problem gebannt?
Dr. Bernd Taffe, Tiergesundheitsdienst Sachsen-Anhalt

Ein Vortrag „Zwischen Anregungen, Provokation und Wunschdenken“ (O-Ton Dr. Taffe)

Ursachen für Schmerzen, Leiden und Schäden bei den Tieren sind vom Menschen tolerierte
„Hygienemängel“. Ratsam ist gewöhnlich eine Situationsanalyse unter Zuhilfenahme einer Checkliste
zur betriebsindividuellen Informationserfassung. Anschließend sollte ein Abgleich der IST-Werte mit
Zielvorgaben stattfinden (Benchmarking).

Weisen verschiedene Tierwohlindikatoren auf Mängel im Haltungssystem hin (Technopathien -
Ausgrätschen, Gliedmaßenveränderungen), Lahmheiten (Belastungsrehe), Stoffwechselerkrankungen
(mangelnde Futter- und Wasserzugänglichkeit) - können folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  • - Ergebnisorientierte stallbauliche Veränderung (Umbau/Neubau)
  • - Entkernung und Neu-Einmessung der Liegeboxen
  • - Austausch/Renovierung verschlissener Liegeflächen (ggf. Systemwechsel)
  • - Austausch/Renovierung verschlissener Laufflächen und Futtertische
  • - Einbau zusätzlicher Tränken

Maßnahmen zur Verbesserung von Tierbetreuung und Herdenmanagement sind in vielen Betrieben
erforderlich, oftmals können aufgrund von engem Personalbesatz aber nur noch die Routinearbeiten
(Melken, Füttern, Misten) abgedeckt werden. Eine Sonderbetreuung von Tieren im Sinne von
Kälbererstversorgung, Tierbeobachtung, Gesundheitsmonitoring, Krankenbetreuung und
Lahmheitsfrüherkennung ist unter dem Gesichtspunkt Tierschutz „Nutztierhaltung“ unerlässlich, als
Routineaufgabe aber oft nicht mehr möglich.

Eine frühzeitige, sachgerechte Behandlung durch den tierärztlich geschulten Tierhalter oder den
Tierarzt lindert Schmerzen, Leiden und Schäden und stellt die Gesundheit wieder her, alternativ
muss dem Tier bei medizinisch oder wirtschaftlich ungünstiger Prognose weiteres Leiden
tierschutzgerecht erspart werden (Nottötung).

Gesunderhaltung und tierärztliche Behandlung kosten Geld, mehr Hygiene und mehr Behandlung
kosten mehr Geld, aber die Erlöse in der Landwirtschaft ergeben sich im globalen Wettbewerb und
orientieren sich nicht an den regionalen Entstehungskosten.

Hinzu kommt: Eine verbesserte Tierbetreuung bei sich absehbar verschärfendem Fachkräftemangel ist
kaum zu gewährleisten. Ob Maßnahmen zur Verbesserung des Haltungssystems erfolgreich waren,
zeigt sich immer erst hinterher. Der Klimawandel wird möglicherweise tierwohlrelevant die Fütterung
beeinflussen. Einerseits sind die Behandlungsmöglichkeiten durch den Tierhalter begrenzt, andererseits ist eine umfassende fachtierärztliche Betreuung aus Sicht des RGD immer schwieriger abzusichern.

Vorschläge und Ansätze zur Problemlösung: Veterinärmedizinische Schulung von Landwirten in einem
definierten Umfang, dem Tierhalter gesetzlichen Behandlungsfreiraum (Klauenerkrankungen,
Wundversorgung, Schmerzbehandlung, Infusionstherapien, Nottötungen) zugestehen,
veterinärmedizinischen Fachangestellten die in den Betrieben mit dem TA abgesprochenen
Behandlungsroutinen und Notfälle eigenverantwortlich erledigen lassen, Gründung überregionaler
Spezialpraxen für Klauenbehandlungen (möglicherweise im Verbund mit Klauenpflegeorganisationen),
Berufsbilder aktiv bewerben, finanzielle Anreize und attraktive Arbeitsmodelle schaffen, fachliche
Mindestqualifikation für Mitarbeiter in der Nutztierhaltung gesetzlich vorschreiben? Personelle
Mindestbetreuung/Personalschlüssel vorschreiben? Migration nutzen, um Mitarbeiter für die
Landwirtschaft zu gewinnen? Qualifizierung zu landwirtschaftlichen Facharbeitern und Bleiberecht bei
Arbeitsaufnahme.

Finanzierung einer tierschutzgerechten Landwirtschaft: Umbau der Agrarförderung, Änderung der
Milchpreisfindung – orientiert an mittleren regionalen Entstehungskosten, Festpreiszusagen für
definierte Liefermengen? Preisstabilisierung durch europaweite Mengenbegrenzung für Produkte
tierischen Ursprungs? Zweckgebundene Zusatzabgabe (ähnlich EEG-Umlage) auf Lebensmittel
tierischen Ursprungs für Um- und Neubauprojekte sowie mehr Tierbetreuung?


Fazit Herr Dr. Taffe:

- Leben ohne Leiden ist mehr als nur die Probleme erkennen!
- Leben ohne Leiden heißt Hygienemängel abstellen und leidende Tiere sachgerecht versorgen!
- Mehr Hygiene und sachgerechte Versorgung erzeugt mehr Kosten!
- Mehr Hygiene und sachgerechte Versorgung macht mehr Arbeit und braucht mehr engagierte Mitarbeiter
- Ohne Kostenregelung und mehr engagierte Mitarbeiter steht die Tierhaltung in Deutschland mittelfristig vor dem Aus.

 

Zum Download: IAK Newsletter Milch 04/2019

 

Mit freundlichen Grüßen aus Leipzig

 

Frank Rüdiger
Tel.: 0174 / 33 49 862
Mail: f.ruediger@iakleipzig.de

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