Landwirtschaft in Not?

von

Gedanken zu einer agrarpolitisch ereignisreichen Woche

Liebe Mandantinnen und Mandanten der IAK Agrar Consulting,

sehr geehrte Leserinnen und Leser,


für die Landwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland brechen harte Zeiten an. Wenn viele in unserem Kreis bisher immer noch gehofft haben, so schlimm werde es nicht werden, dann ist das Gegenteil seit der vergangenen Woche klarer denn je.

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Der erste Einschlag ist konzeptioneller Art. Die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZkL) hat ein Positionspapier verabschiedet, in dem sie sich für ein Ende des derzeitigen Systems der vorwiegend flächenbezogenen Direktzahlungen innerhalb der nächsten zwei Förderperioden ausspricht. Das maßgebliche Beratungsgremium der Bundeslandwirtschaftsministerin, in dem alle größeren Organisationen von Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Wissenschaft, Verbraucherschutz, Umwelt- und Tierschutz vertreten sind, rät demnach dazu, anstelle der Hektarprämien ein Förderinstrument zu schaffen, das Leistungen zugunsten des Gemeinwohls entlohnt – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Das, was Umweltschutzverbände und Agrarwissenschaft schon seit langem fordern, hält damit nun Einzug in die offizielle Bundespolitik. Die Wahlen im September dürften, ob wir das gut finden oder nicht, diesen Trend weiter befestigen.
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Zweiter Einschlag. Nach drei Nächten und 33 Stunden angespannter Verhandlung hat die Agrarministerkonferenz der Bundesländer (AMK) am vergangenen Freitag eine Sicht auf die Umsetzung der neuen EU-Agrarpolitik festgeschrieben, die ziemlich genau in die Linie der eben genannten Zukunftskommission passt: 25 % der Direktzahlungen für Eco-Schemes, bis zu 15 % Umschichtung in die Zweite Säule, Aufstockung der Umverteilung auf 70 € für die ersten 40 ha und 40 €/ha für weitere 20 ha – das sind die Wünsche der deutschen Agrarminister, die so oder ähnlich mit Sicherheit in den bis Jahresende nach Brüssel zu liefernden Strategieplan für die Umsetzung der Agrarreform Eingang finden werden. Bis zu 40 % der bisherigen Direktzahlungen dürften, wenn diese Ideen Gesetz werden sollten, künftig an den Landwirtekassen vorbeirauschen. Das müssen wir alle erst mal „verdauen“.
- Dritter Einschlag. Die Bunderegierung macht mit dem Trend schon Ernst und zeigte in der vergangenen Woche, dass die Zeit steigender Agrarausgaben zu Ende ist. Nach den neuen Eckwerten für den Bundeshaushalt 2022 fällt der Agraretat im nächsten Jahr um fast 10 % von 7,7 Mrd. € auf 6,9 Mrd. €. Und das ist keine Eintagsfliege: Laut den veröffentlichten Planungen wird das Budget auch in den nächsten Jahren absehbar unter 7 Mrd. € bleiben. Das ist umso wahrscheinlicher, als dass der Staat zur Bewältigung der Corona-Pandemie Milliardenlasten zu schultern haben wird, deren Finanzierung noch einer Klärung harrt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das sieht nach Not und harten Einschnitten aus, ohne Zweifel. Und doch sollten wir angesichts der genannten Entwicklungen nicht in Panik verfallen. Erstens sind weder das Agrarbudget noch das neue DirektZahlDurchfG bislang geltendes Recht: Vor dem Haushalt liegt noch ein langer Diskussionsprozess, und das ganze Theater um die GAP-Realisierung mutet ein bisschen an wie Kakelei um ungelegte Eier. Vergessen wir nicht: Der Trilog in Brüssel läuft noch, und er läuft planmäßig bis Mai, und aktuell deutet nicht viel darauf hin, dass er bis dahin  abgeschlossen sein wird. Die Positionen liegen, soweit wir aus Brüsseler Kreisen hören, nach wie vor weit auseinander. Doch selbst wenn die Gremien im Zeitplan bleiben sollten – wie wahrscheinlich ist es denn, dass dann ganz obersuperrasendschnell die deutschen Strategiepläne angepasst und noch vor der Sommerpause durch den Bundestag geprügelt werden? Gesetzestexte im engeren Sinne dürften ja ohnehin erst zur Debatte stehen, wenn die Strategiepläne 2022 durch Brüssel genehmigt worden sind – so zumindest die bisher kommunizierte Verfahrensweise der neuen Agrarpolitik. Und was haben wir dann für eine Bundesregierung? Das weiß allein der Wind. In den selbigen schlagen kann die neue Regierung die jüngsten Beschlüsse der Agrarministerkonferenz, und es ist nicht einmal sicher, dass das aktuelle Bundeslandwirtschaftsministerium, das ja bekanntlich die Verhandlungen mit Brüssel derzeit führt, die Wünsche der Länderminister 1:1 als Strategieplan einreicht. Insofern erscheint mir der am Wochenende angeschwollene Jubel der Grünen, die Agrarwende sei da, dann ebenso verfrüht wie das Trübsalblasen einiger unserer Branchenvertreter.

Warten wir also gefasst erst einmal ab, was wirklich kommt. Zudem meine ich, und da habe ich ganz sicher alle Kolleginnen und Kollegen der IAK Agrar Consulting hinter mir, wir sollten auch persönlich den Kopf nicht in den Sand stecken: Es ist unsere Mission als Landwirte, Land zu bewirtschaften und es nicht der Degradation zu überlassen. Es ist unsere Mission als Landwirte, mit Pflanzen und Tieren Nahrungsgüter zu erzeugen und nicht herumzusitzen. Es ist unsere Mission als Landwirte, für Einkommen und Wohlstand zu sorgen in den Regionen unseres Landes, in denen kein anderes Gewerbe dies kann (und will). Deswegen haben wir ein Ziel, eine Botschaft – und auch einen Weg. Dieser Weg, das ist seit der vergangenen Woche klar, ist steiniger denn je. Aber haben uns Steine jemals geschreckt? Ich erinnere mich an meine Lehrzeit, als sich im Herbst die Steinberge auf dem Hof der LPG türmten – aussortiert aus unseren wertvollen Pflanzkartoffeln, mit denen wir halb Mecklenburg versorgten. Und ich denke an das jüngste Wochenende, als wir wieder mit Kind und Kegel die Felder abgelaufen sind, um die Bestände zu bonitieren, nach Unkraut zu sehen, Müll einzusammeln(!) und eben die Steine wegzuräumen, die den sauer bezahlten Mähdrescher meines Kollegen in der knappen Erntezeit zum Stillstand bringen könnten. Ja, dieses „Ackerwandern“ artet zuweilen in Arbeit aus. Aber es ist unsere Arbeit, es ist Landwirtschaft, und es ist unser Weg in den Frühling, in die neue Saison.

Diesen Weg in die neue Saison, in die neue Zeit zu finden ist das, was ich Ihnen angesichts der Botschaften der letzten Woche wünsche. Denken Sie Ihren Betrieb neu, denken sie Ihr Team neu, denken Sie Ihre Landwirtschaft neu! Finden Sie heraus, wo zwischen all der Veränderung und Verringerung die Chancen sind! Das ist der Weg, der durch den Wald der Schwierigkeiten führt, der vor uns liegt. Gern sind wir von der IAK Agrar Consulting dabei an Ihrer Seite. Die Weisheit haben auch wir nicht mit Löffeln gefressen. Aber wir haben ein gutes Netzwerk, hören viel und haben es gelernt, die kursierenden Ideen betriebswirtschaftlich, organisatorisch, personalwirtschaftlich und auch juristisch zu prüfen, durchzurechnen und ggf. in der Umsetzung zu steuern. Dabei gehen wir arbeitsteilig vor – jeder vertritt das Fachgebiet, in dem er die meiste Kompetenz besitzt. Und ein paar von uns kümmern sich dann als Generalisten darum, dass alles zusammenpasst. Das ist der Mehrwert des Beraters in dieser Zeit, denn kaum ein Agrarunternehmen kann ja den eigenen universellen Innovatorenstab finden, geschweige denn bezahlen.

Deshalb: Lassen Sie uns reden über die Agrarreform und die betrieblichen Anpassungsmöglichkeiten! Wo sind zum Beispiel Ansatzpunkte, um auf die aktuellen Geschehnisse zu reagieren?

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Zuallererst sollten wir das Gute an den Beschlüssen sehen. Die AMK hat deutlich gemacht, dass das für die praktische Landwirtschaft unter den gegebenen Preisverhältnissen dringend benötigte Fördersystem erst einmal noch fortgeführt werden soll. Dabei ist ausreichend Zeit für Übergänge. Und dabei soll es zumindest weitgehend gerecht zugehen: Der positiv gedachte Ansatz der Umverteilungsprämie soll ausgebaut werden, der negativ gedachte Ansatz von Kappung und Degression entfällt. An diesem Votum der AMK wird auch ein neuer Agrarminister nach der Wahl nicht einfach vorbeigehen können. Die Gedanken an ein Leben ohne InVeKoS können wir demnach wohl erst einmal in den Hintergrund schieben. Positiv auch: Die Agrarminister wollen
2 % der Direktzahlungen dazu nutzen, für Schaf-, Ziegen und Mutterkuhhalter Prämien von
30 Euro bis 60 Euro pro Tier auszureichen. Hier hat mein Herz echt gejubelt. Wer das Leid der Schafhalter in den letzten Jahren ein bisschen miterlebt hat, der wird ihnen diese Förderung ganz sicher aus vollster Seele gönnen. Und auch für die Wirtschaftlichkeit der Rinderproduktions-
systeme wäre die Umsetzung dieses Vorschlages ein echtes Plus. Das könnten wir am Beispiel sicher hier und da schon sehen.
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Nicht so sehr jubeln werden viele Berufskollegen darüber, dass wir uns noch mehr als bisher mit Analyse und Planung befassen müssen. Bei den absehbar knappen Finanzverhältnissen geht das einfach nicht mehr anders. Und ja, wer seine Finanzplanung alleine schafft, möge sie alleine machen. Das ist immer die kostengünstigste Lösung, und wir helfen gern dabei, für kleines Geld effiziente Systeme zu installieren und die Ergebnisse richtig zu interpretieren. Wer aber keine Kapazitäten dafür hat, engagiere lieber den Berater, wenn das Schiff des Unternehmens noch fährt. Steckt der Kahn erst im Suez-Kanal fest, ist guter Rat teuer, siehe Tagesschau. Ein Hoch auf den Berater, der dann, statt die Scherben zusammenzukehren, noch Wunderwerke vollbringen kann. Wir sind in diesen Wochen auffallend oft unterwegs, um in Krisenfällen wenigstens das letzte Bauerngeld zu retten.
- Und ein dritter Punkt für unsere Gespräche der nächsten Zeit: Lassen Sie uns Präzisions-
landwirtschaft, Nachhaltigkeitsmanagement, Klimaschutz und Naturraumentwicklung nicht als notwendiges Übel, sondern als Geschäftsfeld entdecken! Hier ist mehr „Musik“ drin, als wir alle ahnen, und einige erste Berufskollegen haben das schon erkannt. Solange die Beschlüsse zur neuen Agrarpolitik noch in der Schwebe sind, ist Zeit zum Lernen, Schauen und zum Diskutieren. Auch das geht gut mit den Fachberatern von der IAK. Ist der GAP-Beschluss erst da, gibt es nur noch eines: Vorwärts!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Genau in diese Richtung gehen wir – nicht mit Angst vor der Not, sondern mit Neugier auf einen spannenden, chancenreichen agrarpolitischen Frühling. Genau diesen wünsche ich Ihnen!

 

Dr. Thomas Tanneberger
Landwirt, Unternehmensberater

IAK Agrar Consulting GmbH
Berlin  –  Leipzig  –  Tautenhain  –  Peking

27.3.2021

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